16.07.2026 - Ralf Laubscher

Unsichtbares sichtbar machen

Wie ein Mannheimer Startup mit KI dabei hilft, medizinisches Personal im OP besser zu schützen.

Lesezeit: 8 Minuten
Eine Person betrachtet in einem technischen Labor eine 3D-Simulation eines medizinischen Geräts auf einem großen Bildschirm neben einem abgedeckten Untersuchungstisch.

Manche Innovationen entstehen im Labor. Andere beginnen mit einem Problem, das lange übersehen wurde. Das Team von SAPIENTEC hat eine Technologie entwickelt, die die Strahlenbelastung von medizinischem Personal während einer Operation erstmals präzise sichtbar macht. Entwickelt am Forschungscampus M²OLIE an der Technischen Hochschule Mannheim, wird das Startup heute durch eine EXIST-Forschungstransferförderung in Höhe von einer Million Euro auf dem Weg zur Marktreife unterstützt. Wir haben die Gründerinnen und Gründer zum Interview getroffen und mit ihnen über ihren Weg von der Forschung zum Startup, die Bedeutung des Mannheimer Netzwerks und ihre Vision für die Zukunft gesprochen.

Ralf Laubscher

Erst mal Glückwunsch! Gerade habt ihr die Zusage für eine Million Euro Förderung aus dem Programm „EXIST Forschungstransfer“ erhalten. Wie fühlt sich das an?

Mareike Matz-Kellner

Richtig gut! Es ist fantastisch, diese EXIST-Forschungstransferförderung zu erhalten. Das gibt uns die Sicherheit und die Möglichkeit, unsere Technologie zu einem marktreifen Produkt zu entwickeln.

Ralf Laubscher

Eine Million Euro – wie lange reicht das? Ist die nächste Investmentrunde schon angedacht?

Mareike Matz-Kellner

Die Million reicht voraussichtlich für die nächsten zwei Jahre. In dieser Zeit konzentrieren wir uns vor allem auf die Fertigstellung der Technologie, die Programmierung und die Pilotinstallationen in Kliniken. Wenn es dann in die Gründung und den Markteintritt geht, werden wir mit Sicherheit eine weitere Finanzierungsrunde benötigen.

Ein technisches Labor mit einem abgedeckten Untersuchungstisch, einem Roboterarm und mehreren Bildschirmen.

Ralf Laubscher

Mit eurem KI-gestützten Assistenzsystem AI.Dos macht ihr Strahlung im OP sichtbar. Wie kam es zu dieser Idee?

Patrick Schülein

Die Idee ist am Forschungscampus M²OLIE entstanden, einem interdisziplinären Forschungsprojekt hier in der Region. Klinisches Fachpersonal hat uns auf das Problem aufmerksam gemacht, dass es im OP besseren Strahlenschutz braucht. Studien zeigen, dass die Nutzung von Röntgenstrahlung gesundheitliche Risiken mit sich bringt – unter anderem für Tumorerkrankungen sowie Katarakt- und Schilddrüsenerkrankungen. Im Studium wird zwar über diese Gefahren aufgeklärt, während einer OP hat man jedoch praktisch keine Möglichkeit zu prüfen, wie viel Strahlung man individuell abbekommt.

Das amtlich vorgeschriebene Dosimeter wird im Brustbereich unter einer Bleischürze getragen und misst deshalb oft 0,0 Strahlung. Das vermittelt dem Fachpersonal eine falsche Sicherheit. Unser Assistenzsystem AI.Dos zeigt nach einer OP sehr präzise, wie viel Strahlung tatsächlich auf Hände, Augen oder die Schilddrüse eingewirkt hat – Bereiche also, die häufig nicht durch Blei geschützt werden.

Ein Bildschirm zeigt eine grafische Auswertung mit stilisierten menschlichen Körperdarstellungen und farblich markierten Messwerten.

Ralf Laubscher

Mit eurem System verbindet ihr Messsensorik, Echtzeit-Tracking und KI. Diese Technologie habt ihr an der Technischen Hochschule Mannheim entwickelt. Wäre das ohne dieses Tech-Ökosystem vor fünf Jahren auch schon möglich gewesen?

Simon Thimm

Entwickelt haben wir die Technologie am Institute for Applied Artificial Intelligence & Robotics (A²IR) der Technischen Hochschule Mannheim unter Leitung von Prof. Dr. Marcus Vetter in enger Zusammenarbeit mit der Universität Heidelberg und klinischen Partnern, vor allem Prof. Dr. Schönberg und Prof. Dr. Diehl. Es war sicher ein entscheidender Vorteil für uns, dass die Hochschule in den vergangenen Jahren große KI-Server angeschafft hat

Niklas Rettig

Durch die größere Rechenleistung neuester KI-Chips waren wir in der Lage, unsere Netze mit medizinischen Daten so zu trainieren, dass heute eine Echtzeitmessung von Strahlungsdaten mit hoher Geschwindigkeit und optimaler räumlicher Auflösung möglich ist. Darüber hinaus bieten wir eine sehr effiziente Dokumentation der Strahlungsdaten, die bisherige, sehr komplizierte und zeitaufwendige Prozesse vollständig ersetzt.

Ralf Laubscher

Kann man sagen, dass ihr mit SAPIENTEC eine Pionierrolle auf diesem Gebiet einnehmt?

Eine Person sitzt an einem Computerarbeitsplatz in einem technischen Labor neben einem abgedeckten Untersuchungstisch.
Patrick Schülein

Nach unserem Kenntnisstand kann man das so sagen. Es gibt verschiedene Forschungsgruppen zu diesem Thema, aber unseres Wissens kombiniert aktuell nur unser System die beschriebenen Vorteile in dieser Form.

Ralf Laubscher

Wenn ihr Investoren oder Kliniken von euch überzeugt: Welche Rolle spielt dabei die Story „made in Mannheim“?

Mareike Matz-Kellner

Definitiv eine große und positive Rolle. Das Medical Technology Cluster Mannheim verbindet auf einzigartige Weise Klinik, Forschung und Industrie und bildet gemeinsam mit dem Klinikverbund Mannheim-Heidelberg einen der relevantesten Medizinstandorte Deutschlands. Das ist für unsere Entwicklung ein ganz wichtiger Hebel.

Patrick Schülein

Wir erfahren hier extrem viel Unterstützung. Die Wirtschaftsförderung Mannheim hat uns mit offenen Armen empfangen und immer die richtigen Kontakte vermittelt, um den nächsten Schritt gehen zu können. Außerdem sind wir Teil des Next Mannheim Startup-Netzwerks und ziehen demnächst in das MedTech-Gründungszentrum CUBEX ONE um.

Mehrere Personen blicken durch große Fenster auf die Mannheimer Innenstadt und den Fernmeldeturm.

Ralf Laubscher

Wie habt ihr euch in Mannheim gefunden?

Patrick Schülein

Simon, Niklas und ich haben uns an der Hochschule kennengelernt. Wir waren dort in unterschiedlichen Rollen mit unseren Abschluss- und Promotionsarbeiten aktiv. Da wir drei uns vor allem auf die Technologie konzentrieren, haben wir die Stelle der Geschäftsführung ausgeschrieben – und so Mareike gefunden. Sie hat die Markteintrittsstrategie aufgebaut und ist heute außerdem für Marketing und Kommunikation zuständig.

Drei Personen arbeiten und sprechen an Computerarbeitsplätzen in einem technischen Labor mit großen Bildschirmen und Messgeräten.
Mareike Matz-Kellner

Als ich die Ausschreibung gelesen habe, habe ich sofort gedacht: Das klingt spannend. Nach einem Telefonat mit Patrick war dann schnell klar: Da will ich einsteigen.

Ralf Laubscher

Patrick, du arbeitest nicht nur in Mannheim. Du lebst auch hier?

Patrick Schülein

2010 kam ich durch mein Medizintechnikstudium nach Mannheim. Zwischenzeitlich habe ich in Frankfurt gelebt, bin heute aber sehr froh, hier verwurzelt zu sein. Schon meine Tante hat früher hier gewohnt, deshalb kenne ich Mannheim schon lange. Hier hat sich für mich schnell ein guter Freundeskreis aufgebaut und ich fühle mich absolut zu Hause. Ich wohne im Stadtteil Käfertal-Süd, direkt in der Nachbarschaft zum Bundesgartenschaugelände.

Ralf Laubscher

Simon, was ist deine Mannheim-Story?

Simon Thimm

Bei mir war es ähnlich wie bei Patrick. Ich bin ebenfalls über das Medizintechnikstudium nach Mannheim gekommen. Ursprünglich komme ich aus Bretten und genieße es inzwischen seit sechs Jahren, hier zu leben. Ich fühle mich sehr heimisch und habe aktuell nicht vor, Mannheim wieder zu verlassen.

Mehrere Personen sitzen in einem Besprechungsraum und hören einer Präsentation zu.

Ralf Laubscher

Welcher besondere Moment verbindet euch mit der Stadt Mannheim?

Simon Thimm

Ich komme aus einer eher ländlichen Gegend. Wenn man in die Stadt zieht, ist das natürlich ein anderes, urbanes Lebensgefühl. Was ich an Mannheim besonders schätze, ist die Vielfalt an Menschen und kulturellen Angeboten. Gleichzeitig bleibt die Stadt kompakt und wirkt nie zu groß.

Niklas Rettig

Man kennt sich hier untereinander. In Stadtteilen wie Neckarau hat man trotz großer Infrastruktur und vieler Unternehmen noch dieses angenehme Dorfgefühl – mitten in der Stadt. Das finde ich sehr besonders.

Patrick Schülein

In Frankfurt war mir vieles zu weitläufig. Ich mag die Kompaktheit Mannheims: Egal ob zu Fuß, mit dem Fahrrad oder der Straßenbahn – man kommt schnell von A nach B. Und durch den ICE-Knotenpunkt erreicht man vom Mannheimer Hauptbahnhof aus in wenigen Stunden Berlin und viele andere Großstädte. Das ist schon sehr angenehm.

Vier Personen sitzen vor einem modernen Gebäude auf einer roten Sitzfläche im Außenbereich.

Ralf Laubscher

Wenn das SAPIENTEC-Team mal wieder einen Meilenstein feiert – wo geht ihr feiern?

Mareike Matz-Kellner

Vor Kurzem haben wir gemeinsam im Hafen 49 im Jungbusch gefeiert, wo regelmäßig DJs aus aller Welt auflegen. Das war großartig. Ehrlicherweise war das eher Zufall, denn wir waren dort als Gäste des Future Founders Festivals von Next Mannheim. Es war ein Tag voller Inspiration, Austausch und Festival-Feeling.

Patrick Schülein

Ich bin nicht der feierlustigste Mensch und eher gerne in der Natur unterwegs. Auf den nächsten Erfolg würde ich aber mit dem gesamten Team in der Sieferle & Kø Bar im Jungbusch anstoßen.

Ralf Laubscher

Wer gut arbeitet, muss auch gut essen. Euer Tipp für die perfekte Lunch-Pause?

Simon Thimm

Unsere Mensa an der Hochschule ist tatsächlich nicht schlecht. Aber auch im direkten Umfeld gibt es gute Alternativen. Das vegane Restaurant Glückstein in Neckarau kann ich sehr empfehlen. Mein Geheimtipp im Sommer ist allerdings das griechische Restaurant am Stollenwörthweiher. Und wenn ich in der Innenstadt unterwegs bin, gehe ich am liebsten ins Ichi im Q-Quadrat.

Ralf Laubscher

Wenn ihr mal nicht forscht und entwickelt: Wo in Mannheim trefft ihr euch in der Freizeit? Wo entspannt ihr und ladet die Batterien auf?

Patrick Schülein

Bouldern kann ich sehr empfehlen. In Mannheim gibt es dafür viele gute Möglichkeiten. Außerdem lassen sich auf den Wiesen an den Rheinterrassen wunderbar entspannte Nachmittage mit Picknick verbringen.

Simon Thimm

Für alle, die im Süden von Mannheim wohnen, ist der Spinelli-Park auf dem Bundesgartenschaugelände sehr zu empfehlen.

Morgensonne scheint über eine große Wiese in einem Park, während Bäume und der Fernmeldeturm im Hintergrund zu sehen sind.
Niklas Rettig

Der Luisenpark ist ebenfalls ein großartiger Ort zum Abschalten.

Ralf Laubscher

Mit der neuen Millionenförderung denkt ihr schon weiter – über die Medizin hinaus. Was ist eure Vision für die Zukunft?

Mareike Matz-Kellner

Mithilfe der EXIST-Förderung ist es unser Ziel, mit Pilotinstallationen in verschiedenen Kliniken präsent zu sein. Unsere Technologie wollen wir im Praxisalltag kontinuierlich weiterentwickeln. Auch international sehen wir großes Potenzial, denn medizinische Eingriffe mit bildgebenden radiologischen Verfahren gewinnen immer weiter an Bedeutung.Perspektivisch haben wir weitere Assistenzsysteme in der Entwicklung, die wir nach dem erfolgreichen Rollout von AI.Dos realisieren möchten. Alles im Sinne unserer Vision, medizinisches Personal, das täglich anderen Menschen hilft, durch KI-gestützte Transparenz in Echtzeit besser zu schützen und im klinischen Alltag wirksam zu unterstützen.

Ralf Laubscher

Was spricht dafür, mit SAPIENTEC auch in Zukunft am Standort Mannheim zu bleiben?

Patrick Schülein

Eigentlich alles. Wir haben hier viele tolle Menschen und Netzwerke kennengelernt, die uns fördern und auf unserem Weg begleiten. Wir fühlen uns in Mannheim sehr wohl und freuen uns nun auf den nächsten Schritt: den Umzug in das Gründungszentrum CUBEX ONE und die erfolgreiche Gründung unseres Unternehmens.

Mehrere Personen stehen und arbeiten in einem Büro mit Schreibtischen, Bildschirmen und großen Fenstern.

Wir bedanken uns für die tolle Zusammenarbeit mit der Technischen Hochschule Mannheim und dem Team von Sapientec.