01.10.2026 - Lina Kaluza

Menschen brauchen Menschen

Wolfgang Blatt, Inhaber von Urmel Spielzeug über seine Leidenschaft für den Einzelhandel

Lesezeit: 7 Minuten
Eine Person steht in einem Spielwarengeschäft neben einer Glasvitrine mit Kuscheltieren und weiteren Spielwaren, während zahlreiche Produkte die Regale im Hintergrund füllen.

Seit mehr als 30 Jahren bringt Wolfgang Blatt Kinderaugen zum Leuchten. Gemeinsam mit seiner Frau gründete er 1994 das Spielwarengeschäft Urmel, das heute für viele Mannheimer Familien eine feste Institution ist. Zwischen Holzspielzeug, Plüschtieren und Tüftelspielen setzt er bis heute auf persönliche Beratung, Begegnungen und die Freude am Spielen. Im Gespräch erzählt er, warum er Mannheim liebt, was Kinder für eine lebenswerte Stadt brauchen und weshalb Menschen auch im digitalen Zeitalter Menschen brauchen.

Die Schaufensterfront eines Spielwarengeschäfts mit dem Schriftzug „Urmel“ zeigt eine farbenfrohe Auslage, während Passantinnen und Passanten davor vorbeigehen.

Anna Maier

Woher kommt deine Leidenschaft für das Geschäft, die bis heute anhält?

Wolfgang Blatt

Wolfgang Blatt

Ich spiele selbst echt gerne. Ich liebe Kommunikation, ich mag Menschen und ich mag das Lächeln der Kinder. Ich bin in der Gastronomie groß geworden. Dort wurde früher Karten gespielt, gewürfelt und alles Mögliche ausprobiert. So habe ich gelernt, das Spielen und das Miteinander zu schätzen. Diese Leidenschaft füttert mich: Wenn Menschen glücklich werden, wenn Kinder leuchtende Augen haben, dann gibt mir das unheimlich viel Kraft und Energie.

Anna Maier

War für dich von Anfang an klar, dass du einmal einen Spielzeugladen eröffnen möchtest?

Wolfgang Blatt

Wolfgang Blatt

Nein, überhaupt nicht. Ich dachte erst einmal, ich muss einen Job machen wie jeder andere, und lernte Informationselektroniker am Physikalischen Institut in Heidelberg. Aber irgendwie hat mir etwas gefehlt. Dann habe ich eine tolle Frau kennengelernt und wir sind gemeinsam ein Jahr um die Welt gereist. In Thailand, Neuseeland, Amerika und vielen anderen Ländern sind wir immer wieder auf besondere Spielzeugläden, kreative Spiele und Orte gestoßen, an denen Kinder Dinge ausprobieren konnten. Meine Frau ist Sozialpädagogin, und irgendwann haben wir gesagt: So etwas würden wir selbst gerne machen. Als wir zurückkamen, eigene Kinder bekamen und nach einem Spielzeugladen suchten, der zu unseren Vorstellungen passt, merkten wir: So etwas gibt es eigentlich noch gar nicht. Auf unserer Reise hatten wir zum Beispiel in Portland gesehen, wie kreativ und spielerisch dort mit dem Thema Spielzeug umgegangen wird. Diese Eindrücke haben wir mitgenommen und daraus unsere eigene Idee entwickelt. Urmel war damals eine Figur mit Qualität und Ausstrahlung. Und Holzspielzeug ist das, wo ich herkomme. Daraus entstand schließlich die Idee für „Urmel Holzspielzeug“.

Mehrere Holzregale sind dicht mit Kuscheltieren unterschiedlichster Tierarten gefüllt, darunter Füchse, Rehe, Delfine und weitere Plüschfiguren in verschiedenen Größen.

Anna Maier

Wo habt ihr den ersten Laden eröffnet?

Wolfgang Blatt

Wolfgang Blatt

Das war 1994 in Weinheim, und es wurde eine Erfolgsstory. Sieben Jahre später waren wir dann schon in Mannheim.

Anna Maier

Wie kam der Umzug nach Mannheim?

Wolfgang Blatt

Wolfgang Blatt

Mannheim war schon immer ein Wunsch: von der Sprache her, von den Menschen und von der Qualität der Stadt. Hier kommt alles zusammen. Ich liebe Mannheim und habe den Schritt nie bereut. Dann wurde dieser Laden frei. Man kann es Zufall nennen, ich würde eher Schicksal sagen. Wir hatten einfach Glück, und so waren wir 2001 mit Urmel in Mannheim.

Zwei Personen führen zwischen Regalen voller Spielzeug und Handpuppen ein Gespräch in einem gut gefüllten Spielwarengeschäft.

Anna Maier

Warum braucht eine Stadt Geschäfte wie Urmel?

Wolfgang Blatt

Wolfgang Blatt

Es braucht unheimlich viele solcher Läden, weil sich dort das Leben abspielt. Menschen sind nicht einfach nur zum Kaufen da. Hier wird noch emotional gehandelt. Wenn jemand ein Problem hat, bin ich da. Wir sind Menschen, keine Maschinen. Wir werden an so vielen Stellen ans automatisierte Einkaufen gewöhnt, ohne mit jemandem zu sprechen. Das ist für mich der falsche Weg. Menschen brauchen Menschen. Urmel ist ein Ort, an den man kommt, sich beraten lässt, ausprobiert und schwätzt.

Anna Maier

Ist Mannheim ein guter Standort für einen solchen Einzelhandel?

Wolfgang Blatt

Wolfgang Blatt

Ja auf jeden Fall. Mannheim wird oft schlechtgeredet, aber Mannheim hat es in sich. Die Stadt hat kurze Wege, die Quadrate, zwei Flüsse, Museen, die Kunsthalle und so viel mehr. Es ist Wahnsinn, was es hier alles gibt. Es ist alles da. Unser Einzugsgebiet ist groß. Über Social Media und meine kleinen Filme kommen Menschen aus Freiburg, Würzburg, Frankfurt, Darmstadt oder Karlsruhe zu uns. Man kann sich natürlich alles liefern lassen, aber wenn jemand ein Video sieht und sagt: Da muss ich jetzt hin, dann wird der Besuch zum Erlebnis. Kinder erkennen mich manchmal aus den Videos, inzwischen sprechen mich aber auch Erwachsene darauf an.

Eine Person betrachtet einen regenbogenförmigen Holzbausatz vor Regalen mit pädagogischen Spielen, Baukästen und Holzspielzeug.
Wolfgang Blatt

Manche Kundinnen und Kunden haben längst große Kinder und kommen trotzdem immer wieder zum Gucken. Genau davon lebt so ein Laden.

Bevor das eigentliche Interview beginnt, nehmen wir uns Zeit für einen Rundgang durch Urmel. Wolfgang Blatt zeigt Spielsachen, die schon Kinder vor Jahrzehnten begeistert haben, erzählt von besonderen Kundinnen und Kunden und von kuriosen Geschichten aus über 30 Jahren Einzelhandel. Darunter Tennisstar Steffi Graf, die beim Besuch ihrer Oma regelmäßig im Laden vorbeischaute, oder ein Holzkaufladen, der es bis nach Las Vegas geschafft hat.

Bunte Holzspielzeuge und Steckfiguren sind an einem Verkaufsregal präsentiert, während weitere Spielwarenregale unscharf im Hintergrund zu sehen sind.

Anna Maier

Wenn du Mannheim aus Kinderaugen betrachtest: Was fällt dir auf?

Wolfgang Blatt

Wolfgang Blatt

Kinder kommen zu kurz. Das tut mir leid zu sagen, aber so empfinde ich es. Es wird viel auf Konsum geschaut. Dabei müssen Kinder sich frei bewegen können. Wenn sie das nicht können, hat man nicht genug an sie gedacht. Ich würde mir mehr ganz einfache, kinderfreundliche Sachen in der Innenstadt wünschen. Es braucht oft nicht viel, es sind so einfach Ideen wie z.B. Hüpfkästchen. Wo Kinder sich wohlfühlen, kommen auch die Eltern hin. Dann wird ein Kaffee getrunken, man schwätzt und Menschen treffen sich. Genau dieses Miteinander finde ich wichtig. Das wünsche ich mir auch für Mannheim insgesamt: mehr für Radfahrer und Fußgänger, mehr Grün, mehr Bäume und mehr Kinderfreundlichkeit. Erreichbarkeit ist wichtig, ganz klar, davon lebe ich als Einzelhändler. Aber Menschen müssen sich trotzdem frei bewegen können. Ein Kind sollte auch einmal allein laufen können. Grün, Verkehrsberuhigung, Erreichbarkeit, Kinderfreundlichkeit und Lebensfreude, das gehört für mich zusammen. Ich sehe aber auch, dass es sich an mehreren Stellen dahin entwickelt.

Anna Maier

Was ist dein Lieblingsort in Mannheim?

Wolfgang Blatt

Wolfgang Blatt

Mein Laden ist natürlich mein Wohnzimmer, und ich genieße es wirklich, hier zu sein. Aber wenn wir über einen Ort außerhalb des Ladens sprechen, ist es ganz klar Franklin. Ich fahre mit dem Rad über Spinelli und den Radschnellweg dorthin. Dann sehe ich überall Spielplätze, Kinder und Sportflächen. Dazu kommen das Kneippbecken und der Wald. Franklin lässt viel freien Raum für Familien und Kinder. Ich spüre dort Aufbruch, und auch die Gebäude wirken sehr futuristisch. Franklin ist für mich ein gutes Beispiel dafür, wie eine Stadt Raum für Familien und Kinder schaffen kann. Ich war einer der Ersten, die dorthin gezogen sind. Damals lag noch vieles brach. In den vergangenen Jahren hat sich unheimlich viel getan. Gerade abends, wenn die Sonne untergeht und Kinder noch spielen, merkt man, dass sie sich wohlfühlen, weil sie frei sind. Menschen müssen Freiheit spüren. Ich finde, Mannheim geht dort den richtigen Weg.

Der Blick durch einen Gang des Spielwarengeschäfts zeigt zahlreiche Regale mit Büchern, Spielen, Kreativmaterialien und Spielzeug unter einer farbig gestalteten Decke.

Anna Maier

Welchen Rat würdest du jungen Menschen geben, die heute ein eigenes Geschäft eröffnen möchten?

Wolfgang Blatt

Wolfgang Blatt

Mein Tipp ist: Lasst euch nicht vom Weg abbringen. Schaut, was ihr könnt, wenn ihr spürt, dass es gebraucht wird, bringt es raus und geht euren Weg. Natürlich muss man betriebswirtschaftlich denken. Blindlings würde ich es niemandem empfehlen. Aber wenn du einen Traum hast, dann träum nicht immer nur weiter. Mach es und realisiere deinen Traum.

Anna Maier

Wenn Mannheim ein Spielzeug wäre, welches wäre es?

Eine Person mit weißem T-Shirt steht vor einem Regal voller Kuscheltiere und Spielwaren in einem bunt eingerichteten Spielwarengeschäft.
Wolfgang Blatt

Mannheim wäre ein richtig schöner, bunter Holzbaukasten mit lauter quadratischen Bausteinen. Man kann damit immer weiterbauen. Das passt zu den Quadraten und zu dieser vielfältigen, multikulturellen Stadt. Alle Kulturen und alle Menschen stehen nebeneinander und halten zusammen. Diese Idee müssen wir weiterleben. Deshalb ist Mannheim für mich ein Holzbaukasten.

Anna Maier

Du suchst langfristig eine Nachfolge für Urmel. Was müsste jemand außer Herzblut mitbringen?

Wolfgang Blatt

Wolfgang Blatt

Betriebswirtschaftliches Denken ist heute unverzichtbar. Früher konnte man einen Spielzeugladen vielleicht anders führen, heute muss man sehr genau schauen: wie, wo und was. Durchhaltevermögen ist wichtig, und der Glaube an sich selbst und an das Konzept. Vor allem braucht es aber Liebe zu dem Ganzen. Wenn jemand in den Laden kommt, muss er die Handschrift spüren. Eine Nachfolge tritt ein Erbe an, aber es soll auch Spaß machen. Geld allein reicht nicht. Da braucht es viel mehr.

In einem Geschäft für Spielwaren und Souvenirs steht ein Drehständer mit farbenfrohen Mannheim-Postkarten und Stadtmotiven vor unscharfen Verkaufsregalen im Hintergrund.

Vielen Dank an Wolfgang Blatt für die offenen Einblicke und das inspirierende Gespräch.