02.11.2026 - Anna Maier

Man müsste gar nicht aus dem Viertel raus

Nora Gerken wohnt erst seit Kurzem in Mannheim und spricht mit uns über ihre ersten Eindrücke, Vorurteile und ihre Arbeit beim Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg.

Lesezeit: 11 Minuten
Lachende Frau mit lockigem Haar, Brille und gestreiftem Pullover sitzt an einem Holztisch vor einer Wand mit der Aufschrift „Internationales Filmfestival Mannheim Heidelberg“.

Das Büro des IFFMH befindet sich in einer ruhigen Seitenstraße in der Neckarstadt. Es kurz vor Festivalstart im November, in den offenen Räumlichkeiten summt es quasi nur so vor Arbeit. Nora wartet bereits auf uns im Festivalbüro, wo wir es uns gemütlich machen. 

Anna Maier

Hallo Nora! Ich starte direkt mal: Du bist noch gar nicht so lange in Mannheim, oder?

Nora Gerken

Das stimmt, ich bin Mitte Juli nach Mannheim gezogen und habe vorher ca. 15 Jahre in der Region Hildesheim / Hannover gelebt.

Holztisch in einem Besprechungsraum mit Wasserflaschen, Gläsern, Programmheften und einem Smartphone auf dem Stativ.

Anna Maier

Also noch ganz frisch hier. Was waren deine ersten Gedanken als es konkret wurde, dass es für dich nach Mannheim gehen könnte? Hattest du ein Bild von Mannheim? Wie hast du dich informiert?

Nora Gerken

Ich habe mich natürlich ganz bewusst entschieden, nach Mannheim zu ziehen – auch für den Job. Gleichzeitig fiel mir der Schritt nicht leicht, Familie, Freund*innen und ein starkes persönliches Netzwerk zurückzulassen. Entsprechend war da natürlich auch Wehmut. Schon nach meinem ersten Besuch für das Vorstellungsgespräch hatte ich aber das Gefühl, dass Mannheim eine Stadt ist, die unterschätzt wird. Im Vorfeld hatte ich viele eher negative Stimmen gehört, doch als ich selbst hier war, dachte ich: Hier passiert doch etwas! Ich hatte das Gefühl, dass es hier vieles zu entdecken gibt und darauf habe ich richtig Lust.

Anna Maier

Kanntest du das schon aus den Städten zuvor?

Nora Gerken

Ja, genau. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass beide Städte ebenfalls unterschätzt werden. Über Hildesheim sagen viele, es sei verschlafen. Und Hannover wird schlichtweg als langweilig bezeichnet. Das wird beiden Städten aber gar nicht gerecht. Ich finde es spannend, dass diese Zuschreibungen meistens aufgeschnappt werden und dann von Menschen weitergegeben werden, die vielleicht gar nicht vor Ort waren oder vielleicht nur am Hauptbahnhof waren und da umgestiegen sind, aber in diesen Städten gar keinen Erfahrungsschatz haben. Meine Erfahrung war eine ganz andere.

Anna Maier

Das heißt, du hast die Städte ganz anders wahrgenommen als die Vorurteile über sie?

Nora Gerken

Ja! Ich glaube, es braucht einfach Zeit, um anzukommen und sich einzuleben, wenn man in eine neue Stadt kommt. Besonders, wenn man niemanden so richtig kennt und keine Anknüpfungspunkte hat. Dann kommt es einfach darauf an, immer wieder rauszugehen, auf die Stadt und alles Neue zuzugehen und dem eine Chance zu geben.

Anna Maier

Kann ich nachvollziehen! Du wohnst jetzt in der Neckarstadt-West, ein Stadtteil, in dem viel los ist. Hilft es beim Ankommen, wie nimmst du das wahr?

Frau im gestreiften Pullover und grünem Schal lacht im Profil an einem Holztisch vor einem hellen Fenster.
Nora Gerken

Ich habe auch das Gefühl, dass es hier eigentlich alles gibt, was ich im Alltag brauche.

Nora Gerken

Ja, die Neckarstadt-West ist sehr lebendig, es findet sehr viel im öffentlichen Raum statt. Ich wohne am Neumarkt und war da z.B. schon beim Open-Air-Kino.

Man müsste gar nicht so richtig raus aus dem Viertel, weil wirklich alles um den Neumarkt ganz gut vertreten ist: vom Kiosk bis hin zum Supermarkt, Kaffee, Pizzeria, Spielplatz für Familien. Und es ist schön, weil man dann nach und nach so einige Gesichter und Menschen auch wirklich kennt. Mir ist es hier sehr schnell vertraut geworden.

Anna Maier

Was du beschreibst, finde ich sehr typisch für Mannheim. Die Stadt hat gut funktionierende, lebendige Stadtteile. Gerade befinden wir uns hier in der Neckarstadt-Ost, also genau im Nachbarviertel der Neckarstadt-West. Dein Pendelweg ist also sehr kurz? Erzähl mal.

Gut besuchte Außengastronomie mit grünen Sonnenschirmen unter Bäumen an einer Straßenkreuzung im Abendlicht.

Nora Gerken

Ich bin meist mit dem Fahrrad unterwegs und fahre zehn Minuten vom einen in den anderen Stadtteil. Es ist ein sehr großer Luxus, so einen kurzen Arbeitsweg zu haben.

Morgens starte ich am Neumarkt, fahre dann über den alten Messplatz, da ist auch immer super viel los. Eltern bringen ihre Kinder in die KiTa oder Schule, Menschen pendeln morgens zur Arbeit, stehen an der Alten Feuerwache, Kinder gehen zur Schule oder werden zur Schule gebracht. Auf meinem Weg komme ich dann auch immer an am Cafe Adria vorbei. Ich habe das Gefühl, das ist so ein zentraler Ort, der diese Stadtteile irgendwie verbindet. Es ist morgens, mittags, abends einfach wirklich voll mit den unterschiedlichsten Menschen. Da fahre ich sehr gerne vorbei und kann mittlerweile auch hier und da schon winken. Das sind einfach lebendige Plätze, die ich auf meinem täglichen Weg wahrnehme, was ich einfach sehr schätze. Mannheim wirkt sehr urban, anders als Hannover, aber darin auch sehr schön.

 

Anna Maier

Helfen diese alltäglichen Begegnungen und Wege, die Stadt kennenzulernen?

Nora Gerken

Ich muss sagen, dass ich wirklich etwas übrig habe für Alltagswege. Ich verbinde mich über die Alltagswege auch ein Stück weit mit der Stadt. Mit der Das sind Wege, die ich wirklich sehr gerne mag.

Kleiner Kiosk mit Außenbereich unter herbstlichen Bäumen, geschmückt mit bunten Wimpelgirlanden.

Anna Maier

Du warst ganz lange in Hildesheim und Hannover, hast dort studiert und gearbeitet. Jetzt Mannheim. Gibt es Gemeinsamkeiten oder große Unterschiede? Kannst du dazu schon etwas sagen?

Nora Gerken

Hildesheim und Hannover sind beides sehr grüne Städte.

Man kann innerhalb von einer Viertelstunde mit dem Fahrrad im Grünen sein. Das nehme ich jetzt hier in Mannheim anders wahr. Das Neckarufer würde ich auch als mehr oder weniger grünen Ort bezeichnen.

Aber die Umgebung Mannheims ist einfach viel urbaner und städtischer. Am Neckarufer sieht man auch Industrie. Das ist ein ganz anderer Ballungsraum. Aber man kommt trotzdem in Mannheim ja auch ins Grüne, man muss dann nur eben weiter rausfahren. In den Käfertaler Wald fahre ich eine halbe Stunde mit dem Fahrrad. Was die Städte verbindet, sind eben diese öffentlichen Plätze, an denen viel passiert, wo sich Leute treffen und Initiativen etwas veranstalten. In Mannheim sind das für mich bisher Orte wie der Neumarkt, das Neckarufer, die Adria und der Jungbusch.

Anna Maier

Der Umzug in eine andere Stadt ist ja oft mit vielen Unsicherheiten verbunden. Wenn man sich dieser Mischung aus Gewohntem und Neuem bewusst macht, ist dieser Sprung in eine andere Stadt am Ende vielleicht gar nicht mehr so schlimm?

Nora Gerken

Man ist auf gar keinen Fall verloren, wenn man sich schon mal durch eine Stadt navigiert hat oder einer größeren Stadt gelebt hat!

 

Frau im gestreiften Pullover, durch unscharfe grüne und rote Flaschen im Vordergrund fotografiert, schaut lächelnd zur Seite.

Anna Maier

Du warst auf Stellensuche und bist jetzt nach Mannheim gekommen. War das eine bewusste Entscheidung? Wusstest du, dass es hier das Filmfestival gibt?

Nora Gerken

Ich habe in Hannover in einer Stiftung gearbeitet und hatte einen ganz tollen Job. Aber irgendwann hatte ich Lust auf etwas Neues und den Wunsch, wieder mehr in Kunst und Kultur zu arbeiten und in die Projektarbeit zu gehen. Deswegen habe ich recht lange recherchiert und habe dabei konkret weiter südlich gesucht, weil hier auch wichtige Freund*innen von mir leben.

Irgendwann bin ich über diese Stellenausschreibung im Alumni-Newsletter meiner alten Uni, der Uni Hildesheim, für das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg gestolpert. Dann habe ich Mannheim direkt mal auf Google Maps gesucht und dachte mir, das könnte passen. Nachdem ich eine Bewerbung rausgeschickt hatte, saß ich ein paar Wochen später im ICE nach Mannheim. Da habe mir dann auch die Zeit genommen, die Stadt mal anzugucken.

 

 

Anna Maier

Du bist im Zug hier angekommen und dann? Was hast du gemacht, um dir einen ersten Eindruck von Mannheim zu verschaffen?

Frau mit Brille, grünem Schal und gestreiftem Pullover blickt vor einer Holzwand neben einer Palme in die Kamera.
Nora Gerken

Durch Zufall war ich in der Neckarstadt-West. Ich wusste nicht, dass ich dann später auch da leben werde. Dann bin ich am Neckarufer rumspaziert und einfach durch die Straßen geschlendert, habe mich dann noch in ein Café gesetzt und die Stadt so ein bisschen auf mich wirken lassen. Das war gut.

Anna Maier

Jetzt bist du beim Filmfestival angekommen. Kannst du es uns ganz kurz erklären?

Nora Gerken

Das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg (IFFMH) bringt internationalen Film nach Mannheim und Heidelberg und entdeckt neue Film- und Regie-Talente. In diesem Jahr sind über 80 Filme aus 50 Ländern im Programm vertreten. Das Filmfestival gibt es seit 1952, damit ist das IFFMH nach der Berlinale das traditionsreichste Filmfestival in Deutschland. Das Festival findet vom 05. bis zum 15. November in Mannheim und Heidelberg statt. Es wird neben dem Filmprogramm auch wieder ein interessantes Rahmenprogramm geben. Die Details findet ihr auf unserer Website. Gemeinsam feiern wir unser 75. Jubiläum unter dem Motto “Imagine Futures!“

Rosa Plakat zum 75. Jubiläum des Festivals vor einer Holzlamellenwand, teilweise von Palmblättern verdeckt.

Anna Maier

Wir sprechen im Oktober, das Festival findet im November statt. Ihr seid also in der heißen Phase?

Nora Gerken

Ja! Es ist gerade eine sehr intensive Arbeitsphase.

Wir arbeiten alle in unseren unterschiedlichen Bereichen. Kurz vor dem Festival wächst das Team nochmal, es kommen Praktikant*innen und weitere Crew-Mitglieder dazu. Die Vorbereitungen laufen wirklich auf Hochtouren. In dieser Phase sind wir viel in Meetings und Außenterminen, arbeiten in Excel-Tabellen und unseren To-Do-Listen und sind damit wirklich sehr gut damit beschäftigt, eine schöne Jubiläumsausgabe auf die Beine zu stellen. Die Arbeit im Team macht wirklich Spaß und ich freue mich sehr auf das Festival!

 

 

Anna Maier

Du hast ja schon vorher im Kulturbereich gearbeitet.

Was macht für dich die Arbeit in der Branche aus? Und welchen Tipp gibst du Menschen, die sich auch für Arbeit in der Kultur-Branche interessieren?

Frau sitzt an einem Schreibtisch mit Monitoren in einem hellen Büro, im Hintergrund unterhalten sich Kolleginnen und Kollegen.

Nora Gerken

Ich glaube, das Schöne im Kultur- oder im Veranstaltungsbereich ist, dass man ja nicht einfach Veranstaltungen macht, sondern sich mit mit einer Kunstform, in meinem Fall nun Film, und mit gesellschaftlichen Themen auseinander setzen darf und dadurch sehr nah am Publikum ist. Das schätze ich sehr.

Es braucht immer wieder kreative Lösungen für kurzfristig auftretende Probleme. Wer daran Interesse hat, dem oder der, würde ich sehr empfehlen, neugierig zu bleiben und den eigenen Interessen zu folgen, sich auszuprobieren und sich zu vernetzen. Netzwerke können sehr wichtig und sehr tragend sein im Kulturbereich. Angefangen von der Ausbildung über das Studium, im Rahmen von Praktika oder ganz verschiedenen Tätigkeiten.

Ein Filmfestival wie das IFFMH sucht ja auch immer wieder Crew-Mitglieder, Praktikant*innen und, Freiwillige, die während der Festivalphase unterstützen.

Anna Maier

Apropos, wir können ja nicht nur über die Arbeit sprechen. In den nächsten Wochen wird wahrscheinlich die Arbeit immer mehr. Die Arbeitstage werden vielleicht auch länger.

Was machst du aber konkret in deiner Freizeit? Hast du da in Mannheim schon etwas für dich entdecken können?

Nora Gerken

Ich bin sehr gerne aktiv in der Natur. Ich war schon im Käfertaler Wald, aber habe auch eine wirklich schöne Wanderung von Eberbach in den Odenwald zu einem Campingplatz ausprobiert.

Das hat mir unheimlich gut gefallen. Aktuell bin aber auch viel hier in der Region im Rahmen unseres Kulturprogramms anlässlich unseres 75. Jubiläums unterwegs. Dafür haben wir viele Kooperationspartner*innen aus den Bereichen Kultur und Soziales gewonnen. Und darüber lerne ich auch so ein bisschen die Kulturinstitutionen, die schönen und interessanten Orte in Mannheim und der Region kennen.

Und an der Stelle natürlich auch die Empfehlung, ins Programm des Filmfestivals zu schauen und auch teilzunehmen. Es gibt sehr viele Veranstaltungen, die auch kostenfrei sind!

 

Historisches Sandsteingebäude hinter einem Geländer voller abgestellter Fahrräder.

Mannheim ist ein Knotenpunkt im Schienennetz. In drei Stunden ist man in der Schweiz oder den Benelux-Staaten. Und man ist super schnell in Frankreich. 

Man hat zwei Mittelgebirge vor der Haustür und eine Direktanbindung an Haupt- und Großstädte wie Berlin, Hamburg und Paris.

Anna Maier

Ist die Lage von so einer Stadt wie Mannheim, oder von Mannheim konkret, für dich auch so ein Faktor, den du vielleicht auch einbezogen hast? Du willst ja vielleicht auch mal die Familie in der Heimat besuchen gehen?

Nora Gerken

Ja, sehr! Mir war es wichtig, auf der Nord-Süd-Strecke zu sein. Also zwischen Freiburg und Hamburg. Weil das eben meine Freund*innen und meine Familie mit mir verbindet.

Und mir war es tatsächlich auch wichtig, eine direkte Verbindung nach Berlin zu haben.

Nachdem ich dann hier zum Vorstellungsgespräch war, habe ich das mal die Lage geprüft und Mannheim hat das alles durch Zufall mitgebracht.

Seit ich hier bin, war ich auch schon ein paar Mal in Basel im Museum. Und das sind auch alles neue Kontexte, die mir Mannheim als Knoten- und Ausgangspunkt ermöglicht.

Anna Maier

Wir hatten es vorhin schon mal davon: Der Umzug in eine neue Stadt bringt auch Unsicherheiten mit sich. Hast du einen Tipp, was beim Ankommen hilft?

Nora Gerken

Ich bin in eine WG gezogen, das ist natürlich praktisch. Aber man kann sich auch umschauen, was in der Nachbar*innenschaft so los ist. Welche Initiativen oder Veranstaltungen gibt es? Wo liegen die eigenen Interessen und wo kann man anknüpfen, wo ist die nächste Kletterhalle, Boulderhalle, der nächste Schwimmverein und so weiter. Oder eben auch öffentliche Orte, wie zum Beispiel der Neumarkt, wo man sich trifft, wo Leute sind, wo man sich vielleicht auch mal dazusetzen kann und gemeinsam einen Kaffee trinkt.

Anna Maier

Zum Schluss noch: Dein ganz persönlicher Tipp fürs Festival?

Nora Gerken

Ich möchte etwas aus dem Rahmenprogramm empfehlen. Es gibt neben dem Filmprogramm auch noch u.a. Podiumsdiskussionen. Am Samstag, den 14.11. um 18 Uhr im Cinema Quadrat gibt es ein ganz tolles Panel zum Thema “Zukunft deutscher Film”.

Das Panel findet in Kooperation mit dem Lichter Filmfest Frankfurt International statt und ist besetzt mit Eva Topisch und Constanze Klaue. Sophia Schiller wird moderieren und die zwei Panelistinnen werden über Bewährtes, mögliche Chancen und  mögliche Veränderungen im deutschen Film diskutieren. Das ist eine spannende Besetzung und ich glaube, es wird ein toller Abend.

Ansonsten kann ich auch noch sehr das Stummfilmkonzert Nosferatu ans Herz legen. Es findet am 7.11. um 19.30 Uhr im OPAL statt, zusammen mit dem Orchester des Nationaltheaters.

 

Danke liebe Nora und das Internationale Filmfestival Mannheim Heidelberg für das schöne Gespräch und die gemütliche Atmosphäre trotz anstehendem Festivalstart!