Jeder kann eine Idee mitbringen
Yasin Yazar und die Teilnehmenden von Art Walks über die Beteiligungsplattform
Lesezeit: 7 Minuten
Wer durch Mannheim läuft, sieht Straßen, Plätze und Gebäude. Die Teilnehmenden von Art Walks, Art Talks möchten die Geschichten dahinter zeigen und neue Perspektiven schaffen. Das Beteiligungsprojekt bringt Jugendliche zusammen, die ihre Stadt fotografisch, kreativ und im Gespräch erkunden. Yasin Yazar arbeitet seit vielen Jahren mit anderen jungen Menschen zusammen. Er und drei weitere Projektbeteiligte erzählen uns, was ihre Arbeit ausmacht, wie sie Mannheim wahrnehmen und warum manche Geschichten nur einen Spaziergang entfernt sind.
Anna Maier
Wie würdet ihr Art Walks, Art Talks jemandem erklären, der noch nie davon gehört hat?
Yasin Yazar
Ich würde Art Walks, Art Talks als Plattform für Jugendbeteiligung beschreiben oder als eine Möglichkeit, verschiedene Beteiligungsformate kennenzulernen. Mit den meisten bin ich eher wie ein großer oder kleiner Bruder, das Ganze ist sehr familiär. Wenn uns bei einem Rundgang jemand fragt, was wir da machen, sagen wir meistens: Das ist ein Kulturprojekt hier im Stadtteil. Dann zeigen wir auch unseren Instagram-Account.
Anna Maier
Was begeistert Menschen daran und warum möchten sie mitmachen?
Mostafa Rasuli
Wir waren zum Beispiel öfter im Hemshof in Ludwigshafen unterwegs. Viele kennen den Stadtteil gar nicht richtig oder haben direkt ein schlechtes Bild davon. Deswegen machen wir dort Fotos und Videos und zeigen einfach mal eine andere Perspektive. Wir wollen zeigen, dass es dort auch viele schöne Seiten gibt.
Bekir Güler
Die Leute können ihren eigenen Ort und ihr Zuhause zeigen. Damit repräsentieren sie ihren Stadtteil. Man entdeckt auch Sachen, an denen man sonst einfach vorbeiläuft, zum Beispiel ein Graffiti mit einer Bedeutung oder einer versteckten Botschaft.
Anna Maier
Eines eurer Projekte ist das Schattenwerk, dabei geht es um Hitze und kühle Orte. Ist das im Herzogenried für Jugendliche ein wichtiges Thema?
Yasin Yazar
Jugendliche aus verschiedenen Stadtteilen kommen hierher. Der Ort ist wie ein Treffpunkt, weil es hier kühl ist. Wir haben gemerkt, dass die Hitze Jugendliche besonders betrifft. Sie haben ihre Spots, an denen sie sonst chillen, können da bei hohen Temperaturen aber nicht mehr hin. Dann verlagert sich das zum Beispiel in Tiefgaragen, wo sie aber auch nicht willkommen sind. Deshalb wollten wir das im Projekt aufgreifen.
Anna Maier
Warum ist dir die Arbeit mit Jugendlichen wichtig?
Yasin Yazar
Ich weiß, wie wichtig es ist, dass junge Menschen etwas haben, womit sie sich auseinandersetzen können. Mich selbst hat die Kultur, speziell die Mannheimer Kulturszene, resozialisiert. Diese Erfahrung möchte ich mit Jugendlichen teilen. Viele denken bei Kunst und Kultur erst mal, das hat nichts mit ihnen zu tun. Aber wenn man gemeinsam durch den Stadtteil läuft, Fotos macht oder Leute kennenlernt, merkt man schnell, dass es auch um die eigene Stadt und das eigene Umfeld geht. Mir ist wichtig, einen niedrigschwelligen Zugang zu schaffen und zu zeigen, was alles möglich ist.
Anna Maier
Warum habt ihr euch entschieden, das Projekt in Mannheim umzusetzen? Welche Vorteile hat die Stadt für euch?
Mostafa Rasuli
In Mannheim ist einfach mehr los, vor allem am Wochenende. Man kommt leichter mit Leuten ins Gespräch als in Ludwigshafen. Außerdem kennen wir uns hier inzwischen besser aus. Deshalb passt Mannheim für uns am besten.
Bekir Güler
Für Jugendliche gibt es in Mannheim generell mehr Angebote. Hier gibt es gute Netzwerke für junge Menschen.
Über ein Projekt kommt man oft mit neuen Leuten in Kontakt und trifft so auf andere Projekte, bei denen man wieder neue Leute trifft und Freundschaften schließen kann.
Anna Maier
Was habt ihr durch das Projekt über Mannheim kennengelernt, das ihr vorher noch nicht kanntet?
Bekir Güler
Seit wir hier wohnen und durch die Projekte neue Leute kennengelernt haben, haben wir verschiedene neue Spots entdeckt. Zum Beispiel den Mannheimer Hafen oder die Rheinterrassen.
Für mich ist wichtig, dass man die Leute vor Ort kennt und sich im Stadtteil vernetzt. Wenn man fair miteinander umgeht, funktioniert die Zusammenarbeit auch. Die Menschen im Quartier sind jeden Tag da und supporten das Ganze. Ohne die Projekte hätte ich zum Beispiel mit dem Quartiersmanagement wahrscheinlich wenig zu tun. Und auch die Vereine vor Ort unterstützen uns. Solche Strukturen gibt es eigentlich in jedem Stadtteil.
Anna Maier
Findet ihr durch eure Messungen vielleicht auch neue kühle Orte für euch?
Yasin Yazar
Obwohl ich lange hier gewohnt habe, hatte ich früher keinen Bezug zum Bücherschrank zwischen den Wohnhäusern am Brunnengarten und zu diesem Platz. Ich bin im Alltag einfach vorbeigelaufen. Seit dem Vorläuferprojekt und dem aktuellen Projekt sagen wir bei Verabredungen meistens: „Treffpunkt am Bücherschrank.“ Dort ist es kühl, die Bänke sind sauber und es gibt Literatur. Wenn man eine Stunde dort sitzt, bekommt man viel mit.
Vor dem Interview haben wir Yasin und die Gruppe bei einem Rundgang durch das Viertel begleitet. Sie haben uns gezeigt, wie eine Vermessung abläuft, worauf sie achten und wie Orte als Schatten- oder Hitzeorte kartiert werden. Dafür nutzen sie verschiedene Messgeräte und eine von Yasin selbst entwickelte App. Das Ganze wird außerdem mit Fotos dokumentiert.
Anna Maier
Yasin, wie geht es mit deinem aktuellen Projekt weiter?
Yasin Yazar
Unser Projekt ist in vier Module aufgeteilt. Modul 1 mit dem Kartieren und Messen ist offiziell abgeschlossen. In Modul 2 arbeiten wir mit Blaudruck und schauen uns das Thema Textil im Stadtteil an. Zusammen mit einem Studenten der Technischen Hochschule wollen wir drei Workshoptage anbieten und Jutebeutel, T-Shirts und vielleicht andere Textilien gestalten. Modul 3 ist ein Podcast. Zum Abschluss soll es außerdem eine Ausstellung zum ganzen Projekt geben. Der öffentliche Raum passt eigentlich gut zu uns.
Anna Maier
Was ist euer Lieblingsort in Mannheim?
Yasin Yazar
Der Schillerplatz ist für mich ganz klar ein Lieblingsort. Dort ist es kühl und ich kann einfach abschalten. Das ist für mich so ein Ausgleich zum Alltag.
Ich bin gerne im Jungbusch, direkt da, wo viel los ist. Wenn ich meine Ruhe will, gehe ich an den Rhein oder zu den Rheinterrassen.
Mostafa Rasuli
Ich finde die Rheinterrassen richtig schön. Wenn es dunkel wird, sieht man auf der Ludwigshafener Seite die Lichter. Zusammen mit der Brücke ist das einfach eine schöne Kulisse.
Anna Maier
Wenn ihr in die Zukunft blickt: Was würdet ihr euch für Mannheim und die Lebensqualität in der Stadt wünschen?
Yasin Yazar
Ein Jugendlicher aus einem angrenzenden Stadtteil möchte gemeinsam mit seiner Cousine ein Projekt machen und Spots suchen, an denen ein Trinkwasserbrunnen hinkommen könnte. Ich finde ebenfalls, dass solche Brunnen fehlen. In jedem Stadtteil sollte es mindestens einen geben. Bei unseren Rundgängen müssen wir drei- oder viermal Wasser kaufen. Wasserspender wären deshalb auch für die Gesundheit sinnvoll.
Für Jugendliche wären zusätzliche Treffpunkte wichtig, etwa ein Calisthenics-Park oder ein Aufenthaltsraum mit kleinen Freizeitangeboten und einem Boxautomaten. Es sollte Orte geben, an denen Jugendliche zusammenkommen und Spaß haben können.
Anna Maier
Wo gibt es für euch das beste Essen in Mannheim?
Yasin Yazar
Mein Favorit ist Bâb-Et in Rheinau. Dort gibt es für mich den besten Döner. Das schmeckt, wie wenn Mama das macht. Wir sind sogar mal nachts vom Jungbusch nach Rheinau gefahren um dort noch zu essen.
Mostafa Rasuli
Das beste Restaurant meiner Meinung nach in Mannheim ist Parsi.
Shaban Sultani
In der Nähe der Uhlandstraße gab es das afghanische Restaurant Maza. Ich habe afghanische Wurzeln und esse afghanisches Essen normalerweise bei meiner Mutter. Dort habe ich es aber einmal probiert und fand es gut.
Anna Maier
Wie würdet ihr Mannheim jemandem erklären, der noch nie hier war?
Yasin Yazar
Es hängt davon ab, mit welcher Motivation jemand nach Mannheim kommt. Wer nur für ein Wochenende kommt, ist vielleicht nicht sofort begeistert. Wenn man hier aber herkommen und arbeiten oder etwas bewegen möchte, dann ist es schön, weil man überall Support bekommt. Man muss nur anklopfen und sich trauen. In Mannheim gibt es sehr viele kreative Menschen, von jung bis alt. Grundsätzlich ist hier vieles möglich, weil die Menschen offen sind. Die Menschen unterstützen Ideen.
Mostafa Rasuli
Ich würde den Marktplatz nennen. Der ist schon ein besonderer Ort. Dort fühlt es sich international an und ein bisschen wie in der Heimat. Auch die Innenstadt und der Rhein stehen für mich für Mannheim.
Unser Dank gilt Yasin Yazar, Mostafa Rasuli, Bekir Güler und Shaban Sultani für ihre Offenheit sowie Steffen Gassenferth vom Quartiermanagement Herzogenried für die Unterstützung und die spannenden Einblicke in den Stadtteil.