03.09.2026 - Lina Kaluza

Jeder kann eine Idee mitbringen

Yasin Yazar und die Teilnehmenden von Art Walks über die Beteiligungsplattform

Lesezeit: 7 Minuten
Mehrere Personen gehen auf einem schattigen Weg durch eine grüne Parkanlage.

Wer durch Mannheim läuft, sieht Straßen, Plätze und Gebäude. Die Teilnehmenden von Art Walks, Art Talks möchten die Geschichten dahinter zeigen und neue Perspektiven schaffen. Das Beteiligungsprojekt bringt Jugendliche zusammen, die ihre Stadt fotografisch, kreativ und im Gespräch erkunden. Yasin Yazar arbeitet seit vielen Jahren mit anderen jungen Menschen zusammen. Er und drei weitere Projektbeteiligte erzählen uns, was ihre Arbeit ausmacht, wie sie Mannheim wahrnehmen und warum manche Geschichten nur einen Spaziergang entfernt sind.  

 

Ein Mann erklärt etwas, eine Frau mit Klemmbrett ist unscharf im Vordergrund.

Anna Maier

Wie würdet ihr Art Walks, Art Talks jemandem erklären, der noch nie davon gehört hat?  

Yasin Yazar

Ich würde Art Walks, Art Talks als Plattform für Jugendbeteiligung beschreiben oder als eine Möglichkeit, verschiedene Beteiligungsformate kennenzulernen. Mit den meisten bin ich eher wie ein großer oder kleiner Bruder, das Ganze ist sehr familiär. Wenn uns bei einem Rundgang jemand fragt, was wir da machen, sagen wir meistens: Das ist ein Kulturprojekt hier im Stadtteil. Dann zeigen wir auch unseren Instagram-Account. 

Eine Gruppe steht auf einem Weg im Grünen, während eine Person auf einen Bereich im Quartier zeigt und etwas erklärt.

Anna Maier

Was begeistert Menschen daran und warum möchten sie mitmachen?  

Mostafa Rasuli

Wir waren zum Beispiel öfter im Hemshof in Ludwigshafen unterwegs. Viele kennen den Stadtteil gar nicht richtig oder haben direkt ein schlechtes Bild davon. Deswegen machen wir dort Fotos und Videos und zeigen einfach mal eine andere Perspektive. Wir wollen zeigen, dass es dort auch viele schöne Seiten gibt.  

Bekir Güler

Die Leute können ihren eigenen Ort und ihr Zuhause zeigen. Damit repräsentieren sie ihren Stadtteil. Man entdeckt auch Sachen, an denen man sonst einfach vorbeiläuft, zum Beispiel ein Graffiti mit einer Bedeutung oder einer versteckten Botschaft.  

Zwei Personen halten Messgeräte in den Händen und vergleichen Temperaturmessungen im Freien.

Anna Maier

Eines eurer Projekte ist das Schattenwerk, dabei geht es um Hitze und kühle Orte. Ist das im Herzogenried für Jugendliche ein wichtiges Thema?  

Yasin Yazar

Jugendliche aus verschiedenen Stadtteilen kommen hierher. Der Ort ist wie ein Treffpunkt, weil es hier kühl ist. Wir haben gemerkt, dass die Hitze Jugendliche besonders betrifft. Sie haben ihre Spots, an denen sie sonst chillen, können da bei hohen Temperaturen aber nicht mehr hin. Dann verlagert sich das zum Beispiel in Tiefgaragen, wo sie aber auch nicht willkommen sind. Deshalb wollten wir das im Projekt aufgreifen. 

Trockene Grünfläche mit jungen Bäumen und einem Radweg, auf dem eine Person Fahrrad fährt.

Anna Maier

Warum ist dir die Arbeit mit Jugendlichen wichtig? 

Yasin Yazar

Ich weiß, wie wichtig es ist, dass junge Menschen etwas haben, womit sie sich auseinandersetzen können. Mich selbst hat die Kultur, speziell die Mannheimer Kulturszene, resozialisiert. Diese Erfahrung möchte ich mit Jugendlichen teilen. Viele denken bei Kunst und Kultur erst mal, das hat nichts mit ihnen zu tun. Aber wenn man gemeinsam durch den Stadtteil läuft, Fotos macht oder Leute kennenlernt, merkt man schnell, dass es auch um die eigene Stadt und das eigene Umfeld geht. Mir ist wichtig, einen niedrigschwelligen Zugang zu schaffen und zu zeigen, was alles möglich ist.

Eine Gruppe bewegt sich zu Fuß durch das Quartier auf einem breiten Weg zwischen Bäumen und Wohnhäusern

Anna Maier

Warum habt ihr euch entschieden, das Projekt in Mannheim umzusetzen? Welche Vorteile hat die Stadt für euch?  

Mostafa Rasuli

In Mannheim ist einfach mehr los, vor allem am Wochenende. Man kommt leichter mit Leuten ins Gespräch als in Ludwigshafen. Außerdem kennen wir uns hier inzwischen besser aus. Deshalb passt Mannheim für uns am besten. 

Bekir Güler

Für Jugendliche gibt es in Mannheim generell mehr Angebote. Hier gibt es gute Netzwerke für junge Menschen. 

Zwei Personen führen ein Gespräch während eines Spaziergangs durch eine grüne Wohnanlage.
Yasin Yazar

Über ein Projekt kommt man oft mit neuen Leuten in Kontakt und trifft so auf andere Projekte, bei denen man wieder neue Leute trifft und Freundschaften schließen kann.  

Anna Maier

Was habt ihr durch das Projekt über Mannheim kennengelernt, das ihr vorher noch nicht kanntet? 

Bekir Güler

Seit wir hier wohnen und durch die Projekte neue Leute kennengelernt haben, haben wir verschiedene neue Spots entdeckt. Zum Beispiel den Mannheimer Hafen oder die Rheinterrassen.  

Yasin Yazar

Für mich ist wichtig, dass man die Leute vor Ort kennt und sich im Stadtteil vernetzt. Wenn man fair miteinander umgeht, funktioniert die Zusammenarbeit auch. Die Menschen im Quartier sind jeden Tag da und supporten das Ganze. Ohne die Projekte hätte ich zum Beispiel mit dem Quartiersmanagement wahrscheinlich wenig zu tun. Und auch die Vereine vor Ort unterstützen uns. Solche Strukturen gibt es eigentlich in jedem Stadtteil. 

Anna Maier

Findet ihr durch eure Messungen vielleicht auch neue kühle Orte für euch? 

Yasin Yazar

Obwohl ich lange hier gewohnt habe, hatte ich früher keinen Bezug zum Bücherschrank zwischen den Wohnhäusern am Brunnengarten und zu diesem Platz. Ich bin im Alltag einfach vorbeigelaufen. Seit dem Vorläuferprojekt und dem aktuellen Projekt sagen wir bei Verabredungen meistens: „Treffpunkt am Bücherschrank.“ Dort ist es kühl, die Bänke sind sauber und es gibt Literatur. Wenn man eine Stunde dort sitzt, bekommt man viel mit.  

Eine Gruppe versammelt sich auf einem Platz, während Messwerte mit einem Handgerät erfasst werden.
Eine Person zeigt auf einem Smartphone eine Karte mit markierten Messpunkten im Quartier.

Vor dem Interview haben wir Yasin und die Gruppe bei einem Rundgang durch das Viertel begleitet. Sie haben uns gezeigt, wie eine Vermessung abläuft, worauf sie achten und wie Orte als Schatten- oder Hitzeorte kartiert werden. Dafür nutzen sie verschiedene Messgeräte und eine von Yasin selbst entwickelte App. Das Ganze wird außerdem mit Fotos dokumentiert. 

Anna Maier

Yasin, wie geht es mit deinem aktuellen Projekt weiter? 

Yasin Yazar

Unser Projekt ist in vier Module aufgeteilt. Modul 1 mit dem Kartieren und Messen ist offiziell abgeschlossen. In Modul 2 arbeiten wir mit Blaudruck und schauen uns das Thema Textil im Stadtteil an. Zusammen mit einem Studenten der Technischen Hochschule wollen wir drei Workshoptage anbieten und Jutebeutel, T-Shirts und vielleicht andere Textilien gestalten. Modul 3 ist ein Podcast. Zum Abschluss soll es außerdem eine Ausstellung zum ganzen Projekt geben. Der öffentliche Raum passt eigentlich gut zu uns. 

Eine Person betrachtet Informationen und Aushänge im Stadtteilbüro Herzogenried.

Anna Maier

Was ist euer Lieblingsort in Mannheim?  

Yasin Yazar

Der Schillerplatz ist für mich ganz klar ein Lieblingsort. Dort ist es kühl und ich kann einfach abschalten. Das ist für mich so ein Ausgleich zum Alltag.  

Abendliche Szene im Jungbusch mit beleuchteten Gebäuden, Gastronomie und Menschen auf der Straße.
Bekir Güler

Ich bin gerne im Jungbusch, direkt da, wo viel los ist. Wenn ich meine Ruhe will, gehe ich an den Rhein oder zu den Rheinterrassen. 

Mostafa Rasuli

Ich finde die Rheinterrassen richtig schön. Wenn es dunkel wird, sieht man auf der Ludwigshafener Seite die Lichter. Zusammen mit der Brücke ist das einfach eine schöne Kulisse.  

Anna Maier

Wenn ihr in die Zukunft blickt: Was würdet ihr euch für Mannheim und die Lebensqualität in der Stadt wünschen? 

Yasin Yazar

Ein Jugendlicher aus einem angrenzenden Stadtteil möchte gemeinsam mit seiner Cousine ein Projekt machen und Spots suchen, an denen ein Trinkwasserbrunnen hinkommen könnte. Ich finde ebenfalls, dass solche Brunnen fehlen. In jedem Stadtteil sollte es mindestens einen geben. Bei unseren Rundgängen müssen wir drei- oder viermal Wasser kaufen. Wasserspender wären deshalb auch für die Gesundheit sinnvoll.  

Sportanlage mit Laufbahn und Basketballkorb neben einem modernen Schulgebäude.
Shaban Sultani

Für Jugendliche wären zusätzliche Treffpunkte wichtig, etwa ein Calisthenics-Park oder ein Aufenthaltsraum mit kleinen Freizeitangeboten und einem Boxautomaten. Es sollte Orte geben, an denen Jugendliche zusammenkommen und Spaß haben können.

Anna Maier

Wo gibt es für euch das beste Essen in Mannheim?  

Yasin Yazar

Mein Favorit ist Bâb-Et in Rheinau. Dort gibt es für mich den besten Döner. Das schmeckt, wie wenn Mama das macht. Wir sind sogar mal nachts vom Jungbusch nach Rheinau gefahren um dort noch zu essen.

Detailaufnahme von Personen, die gemeinsam auf einem Gehweg durch das Quartier laufen.

Mostafa Rasuli

Das beste Restaurant meiner Meinung nach in Mannheim ist Parsi.  

Shaban Sultani

In der Nähe der Uhlandstraße gab es das afghanische Restaurant Maza. Ich habe afghanische Wurzeln und esse afghanisches Essen normalerweise bei meiner Mutter. Dort habe ich es aber einmal probiert und fand es gut. 

Anna Maier

Wie würdet ihr Mannheim jemandem erklären, der noch nie hier war?  

Yasin Yazar

Es hängt davon ab, mit welcher Motivation jemand nach Mannheim kommt. Wer nur für ein Wochenende kommt, ist vielleicht nicht sofort begeistert. Wenn man hier aber herkommen und arbeiten oder etwas bewegen möchte, dann ist es schön, weil man überall Support bekommt. Man muss nur anklopfen und sich trauen. In Mannheim gibt es sehr viele kreative Menschen, von jung bis alt. Grundsätzlich ist hier vieles möglich, weil die Menschen offen sind. Die Menschen unterstützen Ideen. 

Mostafa Rasuli

Ich würde den Marktplatz nennen. Der ist schon ein besonderer Ort. Dort fühlt es sich international an und ein bisschen wie in der Heimat. Auch die Innenstadt und der Rhein stehen für mich für Mannheim. 

Pinnwand und Flipchart mit Informationen und Skizzen zu Projekten im Stadtteilbüro Herzogenried.

Unser Dank gilt Yasin Yazar, Mostafa Rasuli, Bekir Güler und Shaban Sultani für ihre Offenheit sowie Steffen Gassenferth vom Quartiermanagement Herzogenried für die Unterstützung und die spannenden Einblicke in den Stadtteil.